{"id":649,"date":"2013-08-24T15:49:31","date_gmt":"2013-08-24T13:49:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stp-planet.com\/?page_id=649"},"modified":"2013-09-01T16:03:59","modified_gmt":"2013-09-01T14:03:59","slug":"der-sprung-ins-leben","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.stp-planet.com\/?page_id=649","title":{"rendered":"Der Sprung ins Leben"},"content":{"rendered":"<p>Langsam und bed\u00e4chtig setzt er einen Fu\u00df vor den anderen. Der Gehweg ist zu dieser sp\u00e4ten Stunde nicht gerade \u00fcberf\u00fcllt. Der Umstand, dass es Samstagabend ist, hat zur Folge, dass sich dennoch vereinzelt Menschen blicken lassen. Ein junges P\u00e4rchen schlendert an ihm vorbei. Er kann gerade noch ausweichen, um nicht mit ihnen zusammen zu sto\u00dfen. Sie scheinen genau so in Trance zu sein wie er. Nehmen ihre Umwelt kaum zur Kenntnis.<br \/>\nDer Grund f\u00fcr ihre Entr\u00fccktheit ist Liebe, der seiner, g\u00e4nzlich anderer Natur. Eine Mischung aus Wut, Trauer, Angst und Teilnahmslosigkeit haben ihn in diesen Zustand versetzt.<br \/>\nEr konnte sich allerdings noch an eine Zeit erinnern, als auch er blind vor Liebe gewesen war. Allerdings schien das in einem anderen Leben gewesen zu sein. Ihm kam es zumindest in letzter Zeit h\u00e4ufig so vor. Objektiv gesehen war es gerade einmal zwei Jahre her. Damals war die Welt noch in Ordnung. Zumindest f\u00fcr ihn.<\/p>\n<p>Er war als Angestellter bei einer Bank besch\u00e4ftigt gewesen und hatte genug Geld verdient, um sich eine neue, gr\u00f6\u00dfere Wohnung leisten zu k\u00f6nnen. Am ersten Abend in seinem neuen Heim hatte er sie dann kennen gelernt. Sera. Sie wohnte damals noch in der Nachbarwohnung. Das war bevor sie zu ihm zog. Sie hatte an seine T\u00fcr geklopft und ihn gefragt, ob er etwas Hilfe gebrauchen k\u00f6nnte. Ganz einfach so.<br \/>\nEs war ihr aufgefallen, dass sie einen neuen Nachbarn bekommen hatte und es schien ihr das Nat\u00fcrlichste der Welt, ihm ihre Hilfe anzubieten.<br \/>\nEr hatte sich auf der Stelle in sie verliebt.<\/p>\n<p>Er versuchte, sich wieder darauf zu konzentrieren, was um ihn herum geschah und nicht mehr an die Vergangenheit zu denken. Er war noch etwa drei Minuten von seinem Ziel entfernt und \u00fcberquerte gerade eine Kreuzung. Ein w\u00fctendes Hupen brachte ihn vollends in die Realit\u00e4t zur\u00fcck. Die Fu\u00dfg\u00e4ngerampel stand auf rot und er mitten auf der Stra\u00dfe. Der PKW-Verkehr war zum Gl\u00fcck noch rarer als die Fu\u00dfg\u00e4nger, trotzdem stand ein alter silbergrauer VW Golf kaum zwei Meter neben seiner rechten Flanke und wartete darauf, passieren zu k\u00f6nnen. Die glei\u00dfenden Scheinwerferkegel blendeten ihn und so konnte er nicht erkennen, wer sich hinter dem Steuer befand. Er blieb noch einige Sekunden so stehen und erst eine neuerliche Huptirade des genervten Autofahrers brachte ihn wieder in die G\u00e4nge.<br \/>\nEr musste sich auf seine Aufgabe konzentrieren. Er wusste, dass er alle Kraft brauchen w\u00fcrde, die er hatte, um sie zu bew\u00e4ltigen. Vielleicht sogar noch mehr.<br \/>\nNach einigen Schritten verfiel er wieder in seinen gewohnten Trab und das Klappern seiner Schuhe auf dem Asphalt schien beinahe magnetisch auf ihn zu wirken.<\/p>\n<p>Sie war attraktiv, intelligent, humorvoll und seiner Meinung nach die sexieste Frau, der er jemals begegnet war. Lange Zeit hatte er dar\u00fcber ger\u00e4tselt, was ihr diese spezielle Ausstrahlung verlieh, die sie sofort zum visuellen Mittelpunkt jedes Raumes machte, den sie betrat. Jetzt war er zu dem Schluss gekommen, dass es haupts\u00e4chlich an ihrer Art lag, sich zu bewegen.<br \/>\nIhre Bewegungen hatten etwas Katzenhaftes und Flie\u00dfendes an sich, was ihr eine \u00e4u\u00dfere Ruhe verlieh. Eine Ruhe, die zugleich anziehend wie auch ansteckend wirkte.<br \/>\nSchon zwei Tage nachdem sie sich zum ersten Mal getroffen hatten, hatten sie miteinander geschlafen. Danach hatten sie die restliche Nacht wach nebeneinander gelegen und sich gegenseitig ihre Lebensgeschichten erz\u00e4hlt.<br \/>\nSeine gr\u00f6\u00dfte Leidenschaft war immer das Bergsteigen gewesen und als sie ihm erz\u00e4hlte, dass es sich bei ihr genauso verhielt, war er ihr endg\u00fcltig verfallen. Das h\u00f6rte sich im Nachhinein gesehen vielleicht etwas albern an, aber genauso hatte es sich zugetragen. Das lag nicht daran, dass sie ein gemeinsames &#8220;Hobby&#8221; hatten, sondern es lag an der Art, wie sie von ihren Ausfl\u00fcgen in die Natur erz\u00e4hlte. Wie sie mit ihrem \u00e4lteren Bruder die ersten Bergwanderungen gemacht hatte, und wie es ihr allm\u00e4hlich gelang, besser zu werden als er. Sie hatte damals ganze Wochenenden in den Bergen verbracht. Anders als sie, war er ein Stadtkind gewesen und die Gelegenheiten in die unber\u00fchrte Natur zu kommen, waren in seiner Kindheit und Jugendzeit sp\u00e4rlich ges\u00e4t und genau deswegen umso kostbarer.<\/p>\n<p>Eine Gruppe ausgelassener Jugendlicher spazierte an ihm vorbei und machte dabei einen ziemlichen Radau, doch er war schon zu sehr in seine Gedanken versunken, um noch viel davon mitzubekommen.<\/p>\n<p>Nach f\u00fcnf Wochen hatten sie sich verlobt und weitere drei Wochen sp\u00e4ter geheiratet. Ihrer Familie hatte das nicht besonders gefallen. Es ging einfach alles viel zu schnell, um gut zu gehen. Er hatte keine Familie mehr, die sich h\u00e4tte beschweren k\u00f6nnen. Sie hatten alle Zweifler eines Besseren belehrt. Die zwei Jahre, die ihre Ehe gedauert hatte, waren die besten seines Lebens gewesen und wie sie ihm einmal verriet, auch die des ihren.<br \/>\nAm 18. April, genau vor zwei Jahren, war das alles von einer Sekunde auf die andere zerbrochen. Zerplatzt wie eine Seifenblase im Wind. Es waren etwas mehr als zwei Dutzend Bergwanderungen gewesen, die sie gemeinsam unternommen hatten, aber an diese eine, konnte er sich so gut erinnern wie an kaum etwas Anderes in seinem Leben.<\/p>\n<p>Wie immer waren sie sehr zeitig in der Fr\u00fch aufgestanden, um den Aufstieg zu bew\u00e4ltigen, bevor die Mittagshitze so richtig einsetzte. Gegen vier Uhr morgens waren sie aus dem Hotel am Fu\u00df dieses verfluchten Berges aufgebrochen und waren anfangs auch sehr gut vorangekommen. Nach etwa zwei Stunden des Weges hatte Sera ihn gebeten etwas Rast zu machen, da sie vollkommen aus der Puste sei. Er wusste, dass seine Kondition kaum besser, vielleicht sogar etwas schlechter war, als die seiner Frau, da sie, im Gegensatz zu ihm, jeden Morgen einige Kilometer joggte. Deshalb verwunderte es ihn auch etwas, dass sie schon so fr\u00fch eine Pause einlegen musste.<br \/>\nEr schenkte dem ganzen aber keine gro\u00dfe Beachtung. Der schwerwiegendste Fehler seines Lebens, wie er heute wusste.<br \/>\nVor ihm ragte das B\u00fcrogeb\u00e4ude auf, in dem er so viele Jahre seines Lebens verbracht hatte. Wie ihm jetzt erschien, zu viele. Wenn er jede \u00dcberstunde, die er in der Arbeit verschwendet hatte, stattdessen mit ihr verbracht h\u00e4tte, w\u00e4re ihm die Ver\u00e4nderung vielleicht fr\u00fcher aufgefallen.<br \/>\nVerdammt, sie war im dritten Monat schwanger gewesen und er hatte es nicht bemerkt.<\/p>\n<p>Zu dieser sp\u00e4ten Stunde arbeitete hier nat\u00fcrlich niemand mehr und das war auch besser so. Er wusste nicht, wie er sein Auftauchen hier h\u00e4tte erkl\u00e4ren k\u00f6nnen und er hatte eindeutig nicht die Nerven, sich eine geeignete Ausrede einfallen zu lassen. In das Geb\u00e4ude zu kommen, stellte f\u00fcr ihn kein besonderes Problem dar, da er genau wusste, welche Sicherheitsvorkehrungen es gab und wie man sie umgehen konnte.<br \/>\nDas Hochhaus hatte sechzehn Etagen und da er ganz auf das Dach hinauf wollte und die Aufz\u00fcge ausgeschaltet waren, hatte er noch einen weiten Weg vor sich.<br \/>\nOhne weitere Umschweife machte er sich an den Aufstieg und unwillk\u00fcrlich erinnerte ihn das an diese letzte verh\u00e4ngnisvolle Bergwanderung.<\/p>\n<p>Er war nur einige wenige Meter hinter ihr, in einer Wand mit einem gerade mal mittleren Schwierigkeitsgrad, als sie pl\u00f6tzlich und ohne Vorwarnung nach hinten st\u00fcrzte. Sie war nat\u00fcrlich durch ein Seil gesichert, aber sie st\u00fcrzte derma\u00dfen ungl\u00fccklich, dass sie mit dem Kopf mit voller Wucht gegen die Felswand prallte. Als die Rettungsmannschaften eintrafen, war sie bereits klinisch tot und als er im Krankenhaus auf den Arzt wartete, der ihm die Nachricht von ihrem Ableben offiziell \u00fcberbrachte, erfuhr er, dass er nicht nur seine Ehefrau, sondern auch sein ungeborenes Kind verloren hatte.<\/p>\n<p>Inzwischen war er im vierten Stock angelangt. Er verschwendete keine Zeit damit, sich in seiner fr\u00fcheren Arbeitsst\u00e4tte umzusehen, sondern beschleunigte seinen Schritt noch. So als k\u00f6nnte er vor allem davonlaufen. Vor all den Erinnerungen.<\/p>\n<p>Es war jedoch sinnlos, davonlaufen zu wollen. Das war es immer schon gewesen. Diese Lektion lernte er direkt nach dem Tod seiner Frau. Die Tage nach ihrem Ableben hatte er in einer Art Scheinwelt verbracht. Er wollte und konnte es sich nicht eingestehen, dass Sera und ihr Baby niemals mehr Teil seines Lebens sein konnten.<br \/>\nIn dieser Zeit hatte ihn Seras Familie sehr unterst\u00fctzt. Sie k\u00fcmmerten sich um die Begr\u00e4bnisvorbereitungen und Megan, Seras Schwester, zog vor\u00fcbergehend bei ihm ein, um sich seiner annehmen zu k\u00f6nnen. An dem Tag des Begr\u00e4bnisses glaubte er das Schlimmste \u00fcberstanden zu haben, aber dem war ganz und gar nicht so.<br \/>\nAls der Priester die Worte sprach, die den Trauernden Trost spenden sollten, hatten sie bei ihm die gegenteilige Wirkung. Der volle Umfang seines Verlustes wurde ihm mit einem Schlag bewusst. Und er kippte um.<br \/>\nDie \u00c4rzte im Krankenhaus hatten ihm erkl\u00e4rt, dass das nur eine nat\u00fcrliche Reaktion gewesen sei. Er sollte sich das vorstellen wie bei einem Stromkreis. Da fliegt auch die Sicherung raus, wenn eine \u00dcberlastung auftritt. Genauso w\u00e4re es bei ihm gewesen. Als die Emotionen zu gro\u00df und zu m\u00e4chtig wurden, als dass das Bewusstsein sie h\u00e4tte verarbeiten k\u00f6nnen, hat er sich einfach ausgeklinkt.<br \/>\nMit dieser Art von Geschwafel konnte er herzlich wenig anfangen und au\u00dferdem waren es dieselben \u00c4rzte gewesen, die seine Frau hatten sterben lassen.<br \/>\nDem war nat\u00fcrlich nicht so. In seinem Innersten wusste er nur zu genau, dass kein Arzt der Welt seiner Frau h\u00e4tte helfen k\u00f6nnen. Aber irgendjemand musste doch Schuld sein.<br \/>\nIn der Woche danach hatte er versucht, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Erfolglos.<br \/>\nEr ging nicht mehr zur Arbeit und verlor postwendend seinen Job. Das konnte er sich leisten, denn sie beide hatten genug gespart, um auch ein paar d\u00fcrre Monate zu \u00fcberstehen.<br \/>\nEr zog in eine andere Wohnung, da ihn in seiner zuviel an sie erinnerte. Er vermied es sich mit anderen Leuten zu treffen und kanzelte sich von der Umwelt ab so gut es ging.<br \/>\nDas tat er etwa drei Monate lang.<\/p>\n<p>Das neunte Stockwerk.<\/p>\n<p>Dann besuchte ihn Megan. Sie versuchte vern\u00fcnftig mit ihm zu reden, doch das hatte keinen Sinn.<br \/>\nEr lie\u00df nicht mit sich reden. Er wollte nur alleine sein und sich selbst bemitleiden.<br \/>\nNach etwa einem halben Jahr war er zu dem Schluss gelangt, dass er schuld an dem Tod seiner geliebten Frau war. Er ganz alleine.<br \/>\nEr h\u00e4tte bemerken m\u00fcssen, dass etwas nicht mit ihr stimmte.<br \/>\nEr h\u00e4tte diese Bergwanderung niemals mit ihr machen d\u00fcrfen.<br \/>\nEr h\u00e4tte sie besser sichern m\u00fcssen, um so den Unfall zu vermeiden.<br \/>\nEr w\u00fcnschte sich nichts mehr als die Zeit zur\u00fcckdrehen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nDamals begann er auch mit dem Trinken. Er sah es einerseits als eine M\u00f6glichkeit vor\u00fcbergehend zu vergessen, andererseits auch als Weg, sich selbst zu bestrafen.<br \/>\nWeitere zwei Monate sp\u00e4ter musste er sich eingestehen, dass er dem Alkohol verfallen war und selbst die treuesten Freunde hatten sich inzwischen von ihm abgewandt.<\/p>\n<p>Das dreizehnte Stockwerk.<\/p>\n<p>Obwohl er sich seiner Lage durchaus bewusst war, hatte er weder die Kraft noch den Mut etwas daran zu \u00e4ndern.<br \/>\nIn den letzten paar Monaten war es mit ihm steil bergab gegangen. Er betrank sich nicht mehr mit Bier sondern mit Wodka und hatte nur mehr wenige helle Momente. Sein K\u00f6rper zeigte erste Reaktionen auf den fortschreitenden Missbrauch.<br \/>\nIn den wenigen klaren Stunden, in denen er versuchte sein Leben halbwegs unter Kontrolle zu halten, machte er sich Vorw\u00fcrfe. Und diese versuchte er dann wiederum im Alkohol zu ertr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Vor f\u00fcnf Tagen hatte er dann den Brief bekommen. Das war am Montag. Ge\u00f6ffnet hatte er ihn aber erst zwei Tage sp\u00e4ter. Einer dieser raren Momente bevor ihn das Zittern ergriff und er eine neue Flasche \u00f6ffnete, um zu vergessen.<br \/>\nEr steckte in einem neutralen wei\u00dfen Kuvert, hatte keinen Absender, und er h\u00e4tte ihn beinahe weggeworfen. Zum Gl\u00fcck nur beinahe.<br \/>\nEs war ein Brief von seiner Frau. Adressiert an ihn, beinahe zwei Jahre nach ihrem Tod. Das ganze hatte aber keineswegs etwas \u00dcbernat\u00fcrliches. Sie hatte den Brief zu ihren Lebzeiten geschrieben und einer Freundin zur Verwahrung gegeben. Mit der Anweisung ihn zu jenem bestimmten Datum an ihren Mann zu schicken. Das alles fand er sp\u00e4ter heraus.<br \/>\nSie hatte \u00f6fter solche Ideen gehabt und oft waren ihm ihre Spleens und Eigenwilligkeiten auf den Geist gegangen.<br \/>\nDoch diesmal war er mehr als dankbar daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Im obersten Stockwerk angelangt, strebte er direkt der T\u00fcr entgegen, die ihn auf das Dach des Hochhauses bringen w\u00fcrde und er hatte keine M\u00fche sie zu finden. W\u00e4hrend der Zeit als er noch hier gearbeitet hatte, war er oft hier heraufgekommen, um einen klaren Kopf zu gewinnen. Damals war er aber immer mit dem Aufzug gefahren. Aber es lag nicht nur daran, dass er derma\u00dfen aus der Puste war. Er musste wieder einmal erkennen, wie sehr sein exzessiver Lebensstil seiner Konstitution schon zugesetzt hatte.<br \/>\nVor der grauen Stahlt\u00fcr blieb er stehen. \u00dcber ihm leuchtete matt das gr\u00fcn-wei\u00dfe Schild mit der Aufschrift Exit.<br \/>\nEr wusste nicht, wie oft er schon durch diese T\u00fcr getreten war und doch hatte er gro\u00dfe Angst davor, es dieses Mal zu tun.<\/p>\n<p>Der Brief war nichts Besonderes. Sie hatte ihn nicht geschrieben, weil sie wusste, dass sie nicht mehr lange zu leben hatte, sondern es sollte einfach nur eine nette Erinnerung f\u00fcr sie beide sein. Es war quasi eine Momentaufnahme der Gef\u00fchle, die sie damals f\u00fcr ihn gehegt hatte und umfasste drei DINA4-Seiten.<br \/>\nAber trotzdem hatte ihn dieser Brief aufger\u00fcttelt. Ob er ihm vielleicht sogar das Leben retten k\u00f6nnte, w\u00fcrde er in den n\u00e4chsten paar Minuten herausfinden.<\/p>\n<p>Er hielt den Atem an und trat erneut in die kalte Winterwelt hinaus.<br \/>\nMit einem Seufzer der Erleichterung blies er die Luft nun wieder aus seiner Lunge und die warme Luft bildete eine Wolke, als sie sich mit der kalten vermischte.<br \/>\nEr war erleichtert, dass er diese erste H\u00fcrde \u00fcberwunden hatte. Die kalte Luft brannte auf seiner schwei\u00dfnassen Haut, aber seinen, durch die Anstrengung hervorgerufenen Kopfschmerzen, brachten sie Linderung.<br \/>\nSeit jenem tragischen Unfall hatte er nie wieder eine Bergwanderung gemacht und auch allzu gro\u00dfe H\u00f6hen tunlichst gemieden. H\u00f6henangst war nie ein Problem f\u00fcr ihn gewesen und trotzdem f\u00fcrchtete er sich jetzt davor, in einen Abgrund zu blicken.<\/p>\n<p>Der Brief hatte ihn nicht deshalb so sehr bewegt, weil er ihn an sie erinnerte. Seine Erinnerung war ja allgegenw\u00e4rtig. Sondern weil er ihn zu der Erkenntnis brachte, dass er inzwischen nicht mehr um sie trauerte, sondern sich selbst bedauerte. Er weinte einem Leben nach, das er nie w\u00fcrde f\u00fchren k\u00f6nnen.<br \/>\nSie hatte ihm geschrieben, dass sie sich schon am ersten Abend unsterblich in ihn verliebt hatte und dass sie schon zu diesem Zeitpunkt wusste, dass sie ihn heiraten w\u00fcrde. Etwas, das sie ihm nie gesagt hatte. Sie hatte sich damals in einen Mann verliebt, der er heute nicht mehr war. In etwas, was er verloren hatte. Er musste es wieder finden, um weiterleben zu k\u00f6nnen. Um ihretwillen. Um seinetwillen.<\/p>\n<p>Langsam und bed\u00e4chtig n\u00e4herte er sich dem Rand des Daches auf der der Stadt zugewandten Seite.<br \/>\nDas Dach war von einer etwa 80cm hohen Mauer umrandet. Als er kurz davor stehen blieb, erkannte er, dass die Begrenzung nicht mehr als 20cm breit war.<br \/>\nEr durfte jetzt nicht innehalten, so gut kannte er sich, sonst w\u00fcrde er dies hier niemals zu Ende bringen k\u00f6nnen.<br \/>\nMit einem entschlossenen, aber vorsichtigen Schritt stieg er auf die Barriere und war darauf bedacht, seinen Blick nach vorne zu richten. Er stand auf wackeligen Beinen und suchte einen Punkt, den er fixieren konnte, um seine Aufmerksamkeit darauf zu richten und sein Gleichgewicht zu bewahren.<br \/>\nEin Werbeplakat f\u00fcr eine Urlaubsreise auf die Kanaren diente ihm als dieser. Es war so gut wie alles andere auch.<br \/>\nAls er sich halbwegs sicher f\u00fchlte, wagte er es die Augen zu schlie\u00dfen und in sich hineinzuh\u00f6ren. Er musste endg\u00fcltig Abschied nehmen und das wusste er.<br \/>\nW\u00e4hrend er langsam und fast verschlafen die Augen \u00f6ffnete, nahm er den Brief aus seiner linken Manteltasche.<br \/>\nAus seiner rechten holte er ein Streichholzbriefchen. Es kostete ihm einige M\u00fche, es bei dem nicht allzu starken, aber dennoch stetigen Wind zum Brennen zu bringen, aber jetzt lie\u00df er sich nicht mehr aus der Ruhe bringen.<br \/>\nDas sp\u00e4rliche Feuer von seiner Handfl\u00e4che gesch\u00fctzt, warf er einen letzten Blick auf ihre feine und gestochene Handschrift, bevor er das Papier der Gier des Feuers preisgab.<br \/>\nAls die Flammen ihre Arbeit beinahe beendet hatten und er bereits die Hitze auf seinen kalten Fingern sp\u00fcren konnte, lie\u00df er das Blatt aus seinen Fingern gleiten.<br \/>\nVon einem letzten Aufgl\u00fchen begleitet, segelte es ihn die schwarze Tiefe unter ihm.<br \/>\nEs w\u00e4re so leicht, sich einfach nach vorne fallen zu lassen und dem Gl\u00fchen in den Abgrund zu folgen. Aber dieses Mal wollte er es sich nicht leicht machen. Noch einmal blickte er in die erl\u00f6sende Schw\u00e4rze unter ihm, dann wandte er sich langsam ab. Mit einem entschlossenen Satz sprang er vom Sims und zur\u00fcck in sein Leben.<br \/>\nEr hatte sich einen neuen Start verdient.<br \/>\nIn den Bergen? &#8211; Nein, das Meer w\u00e4re jetzt genau das Richtige.<br \/>\nVielleicht ja die Kanaren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8211; Autor\/Copyright: Peter Felbermayr &#8211;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Langsam und bed\u00e4chtig setzt er einen Fu\u00df vor den anderen. Der Gehweg ist zu dieser sp\u00e4ten Stunde nicht gerade \u00fcberf\u00fcllt. Der Umstand, dass es Samstagabend ist, hat zur Folge, dass sich dennoch vereinzelt Menschen blicken lassen. Ein junges P\u00e4rchen schlendert an ihm vorbei. Er kann gerade noch ausweichen, um nicht mit ihnen zusammen zu sto\u00dfen. 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